von ängsten und anderen dämonen

die wand aus ängsten

 

(c) michael schrotter


die präsenz eines gefühls, eine schlummernde sehnsucht, verschlossen und unnahbar, umgibt mein sein. es ist wie ein hauch der empfindsamkeit die mich durchströmt, die mich antreibt. ich begebe mich auf die suche nach glückseligkeit, geboren aus der tief verwurzelten angst vor der einsamkeit.
in mir erwacht das sehnen nach geborgenheit, ein drang nach berührung. ich möchte versuchen diese leere zu füllen und die dunkelheit zu durchtränken mit einer flut an herzensenergie.
diese angst treibt mich, aus dieser dunkelheit heraus entsteht mein verlangen mir diese welt zu nehmen, in besitz zu nehmen. diese welt mit meinen tentakeln der sehnsucht zu umschlingen, sie festzuhalten, mit all meiner kraft, mit all meinem leben. ich greife danach immer und immer wieder, doch mit jedem versuch entferne ich mich weiter von meinem ziel, in mir einen ort der wärme zu schaffen, in mir das leben, das mich umgibt zu integrieren, es durch mich hindurchfließen zu lassen. wie schön ist diese vorstellung, mich durchströmen zu lassen von diesem licht des lebens.
wie kann ich frei sein, wenn ich immerfort versuche dieses leben einfach zu halten, je intensiver meine anstrengung ist, umso weniger gelingt es mir. und ich spüre, wie sich stattdessen die leere in mir raum verschafft, meine ängste schürt und mich weiter treibt, zu taten, die mich in dem joch der ängste gefangen halten. hoffnungslos blicke ich auf die unzähligen anläufe, blicke vor mich, auf den ozean meiner vergangenheit. 

vor mir diese unendliche weite aus erinnerungen; und es taucht auf, ein kind – es könnte ich sein – kommt, von den wellen meiner erfahrungen getragen, auf mich zu, lächelnd, unschuldig, zaghaft und doch bestimmt. so steht es vor mir, blickt mir in die seele und sieht mich. ein gruß mit sanfter stimme, ein blick aus großen kinderaugen, der, so scheint es, mein innerstes berührt, bis hin zu meiner angst vor der unerbitterlichen einsamkeit.
„komm, komm mit mir, nur ein stückchen meines weges“ flüstert es unscheinbar, wendet sich ab und schreitet voran. wie in trance folge ich diesem kind – es könnte ich sein – durch das dickicht meiner erinnerungen. der boden, in dem mein fester schritt versinkt, verschlingt das geräusch meiner füße, hinterlässt sichtbar die spur meiner existenz. es ist still, ich verweile einen moment, ohne dieses kind aus den augen zu verlieren. bedrückend, die umgebung ist aufgeladen von der spannung in mir, als ob sich alles in mir schlummernde auf diesen ort projiziert. es ist still, wie vor einem sturm. vor mir dieses kind – es könnte ich sein – entschlossen findet es den weg, bewegt äste und zweige geschickt um sich raum zu schaffen und gelenk wie eine katze passiert es jedes hindernis. kurz nur wendet es sich mir zu, als ob es zu mir sagte „komm nur, spüre nur die leichtigkeit, du kannst es“ und schreitet mit der gewissheit, dass ich folge, voran.
diese feuchtwarme umgebung, dieser feine nebel verhindert diesen klaren blick, es gelingt mir nur zu erahnen, was sich in dem weiß verbirgt. die sicht wird frei, langsam erkenne ich die struktur einer mauer, „hier, hinter dieser mauer bin ich verborgen“ flüstert mir das kind – es könnte ich sein – zu. „folge mir, du wirst sehen“. dieses kind, es durchschreitet die mauer, als würde sie nicht existieren, als gäbe es dieses hindernis nicht. ich höre noch einmal diese sanfte aber bestimmte stimme „folge mir und du wirst sehen, befrei dich von deinem geist“.
dieser ort, er scheint mir so vertraut und doch unwirklich. wo bin ich hier? wie gelang es diesem kind, diese barriere zu überwinden? in mir diese angst, hielt ich auf die mauer zu, versuche es wie dieses kind. doch da ist nur diese kalte starre wand, unnachgiebig und erschreckend. Ich suche jene Stelle an der es dem Kind gelang durchzuschreiten. „hab keine furcht, lass deinen geist frei, es ist vergangen“ höre ich das kind, gedämpft durch die mauer, sprechen. ich vermag es nicht, dieses rätsel zu entschlüsseln, wieder und wieder kreist das gesagte in meinem kopf.
ich taste gedankenverloren um einen spalt, einen durchschlupf zu finden, finden kann ich alleine die begegnung mit meinen erinnerungen. diese begegnung schleudert mich von der wand zurück, und so sitze ich auf dem weichen boden, wie in einem sumpf meiner erinnerungen – was sagte dieses kind, die vergangenheit, sie ist vorbei – doch in mir wirkt sie noch so lebendig.
kann das der schlüssel sein, um dieses monster von mauer zu überwinden, ist das der geist den ich befreien soll?
mit diesem gedanken meldet sich in meinem inneren die angst wieder zu wort, erinnert mich abermals daran was ich so lange versuchte zu verdrängen.

und ich lasse es geschehen, halte meine angst nicht länger fest. sie überwältigt mich und ich gebe den kampf auf. ich kann sie tragen, meine angst, ich stehe auf und bewege mich auf diese mauer zu, ich kann es nicht glauben, doch das kind ist immer deutlicher wahrnehmbar, die wand verschwindet mit jedem schritt – meine angst, sie ist präsent, doch vermag ich voranzugehen und durchschreite das zuvor unmögliche.

„nun, …“, hörte ich die kinderstimme „siehst du jetzt?“

ich spüre, wie das leben mich durchströmt, ich muss es nicht mehr besitzen, nicht mehr festhalten, es bewegt sich in mir und um mich herum und es ist leicht.

ich sperrte durch meine ängste das leben aus meinem leben, baute eine undurchdringliche mauer, die kein licht in mich dringen ließ. jedes bisschen leben musste ich festhalten und aufbewahren wie einen schatz, doch halten konnte ich es nicht.
es hat sich verändert, meine ängste dürfen da sein, meine sehnsucht ist verschunden, ersetzt durch die fülle des lebens – und es ist schön.

2 Gedanken zu „von ängsten und anderen dämonen“

  1. Lieber Michael,
    je öfter du schreibst, desto klarer, beruehrender, malerischer werden deine Texte fuer mich. Es sind so wunderschoene Textpassagen in diesem Blog!
    Und – ja, unsere Aengste bringen uns dazu, festhalten zu wollen was wir nicht festhalten koennen – und wir haben immer das Gefuehl, zu wenig zu haben. Ich erkenne das in mir wieder.
    Es ist dieser altbekannte Vergleich von der geschlossenen mit der geoeffneten Hand- wer die Hand geschlossen haelt, hat nur was in ihr Platz hat. Wer sie offen haelt, hat Raum fuer das ganze Leben. Es kann sich mal das eine, mal das andere auf die Handflaeche setzen und so lange bleiben, wie es eben fuer beide passt. Und sitzt mal nichts auf der Handflaeche, dann ist das gesamte Leben zu Gast.
    Liebe Gruesse, Isis

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