vom wunsch die welt mit kinderaugen zu sehen

einmal möchte ich noch
die welt mit kinderaugen sehen

 
hinter dem vorhang das verschinden

(c) michael schrotter

wie gelassen
würde ich sein

die welt, einmal nur
mit den augen eines kindes sehen
einen moment nur
möchte ich ein kind sein
einmal nur die unbeschwertheit erleben
die leichtigkeit
die sich aus dem moment ergibt
nicht an das morgen denken
sorglos
unbedacht dessen
was sein könnte

einmal noch ein kind sein
die spannung des augenblicks genießen
mich mit dem, was ich bin
mich in der grenzenlosigkeit des  moments ausbreiten
meine freiheit genießen
so sein, wie ich ihn

einmal noch ein kind sein
alle regeln
alle konventionen
alle gesetzmäßigkeiten
beiseiteschaffen

einmal noch ein kind sein
auf entdeckungsreise gehen
den schnee schmecken
das moos bewundern
mit allen sinnen in mich aufnehmen
das unbekannte ergründen
in mein ich aufnehmen
und voller verzückung staunen

einmal noch ein kind sein
mir jeden fehler erlauben
mir das lachen ungehemmt gestatten
weinen, wenn es zu weinen ist

einmal noch ein kind sein
in den schoß der mutter flüchten
die geborgenheit spüren
und einfach nur sein

einmal noch ein kind sein
zu handeln ohne kontrolle
ohne die vorstellung der auswirkung

ein mal noch kind sein

wahrlich
das kind
es ruht in mir
in meinem Inneren
wartend um befreit zu werden
in mir
in meinem tiefsten Inneren
ungeduldig
voller spannung
mit dem wunsch
in das leben gelassen zu werden
befreit zu werden
die sich mein Ich von der gesellschaft aufgelegt hat

wahrlich
ich bin dieses kind
was sind konventionen und regeln
was verantwortung und sorgen
wenn ich ihnen keine macht gäbe

in mir ruht dieses kind
aus mir steigt dieses kind hervor
in mir erwacht es zu neuem leben
ich befreie es
spüre mich
nehme diese leichtigkeit
sorglosigkeit
unbekümmertheit
hingebungsvoll an

ich bin dieses kind
und ich lasse es leben

4 Gedanken zu „vom wunsch die welt mit kinderaugen zu sehen“

  1. … sehr schöner Text … Du bist ja auch ein Dichter …
    Das einzige, was uns von dem von dir beschriebenen Zustand des Kind-Seins trennt, ist – unser ICH. Bis zum Alter von ca. 3 Jahren – also bevor Kinder ihr ICH entwickeln – haben alle Menschen diese universale all-in-one-Wahrnehmung. Die einzelnen Gehirn-Areale sind noch vergleichsweise unstrukturiert. Die Neuro-Biologen können das meßtechnisch mit der PET-Methode nachweisen bzw. optisch darstellen. Kleine Kinder sind also sozusagen in einem natürlichen Erleuchtungs-Zustand, dem Zustand der Ozeanischen Selbst-Entgrenzung (OSE). Diese Erkenntnis hatte z.B. auch schon Jesus aus Nazareth, der – intuitiv und ohne moderne neuro-biologisches Instrumentarium – schon vor 2000 Jahren ganz zutreffend gesagt hat: „Wenn ihr nicht werdet wie die kleinen Kinder (also: wenn ihr nicht euer ICH hinter euch lassen könnt), dann könnt ihr nicht ins Reich Gottes (= grenzenlose Raum-Zeit-freie Existenz) kommen.“ – Also – raus aus dem ICH – hinein in die Erleuchtung. Aber natürlich nur auf der psycho-spirituellen Ebene. Auf der biologisch-materiellen Ebene ist unser ICH lebensnotwendig. Sonst könnten wir die Erfordernisse des Alltags kaum bestehen.

    1. dank für dein lob und die erklärungen.
      zu dem zitat von jesus – es klingt für mich der zwang mit (wenn – dann) und es schwingt auch ein wenig drohung mit. villeicht ist es einfach ein paradoxon, dass jesus etwas verlangt, wenn wir von ihm doch behaupten, dass er liebe ist, dass er uns so nimmt wie wir sind.
      vielleicht soll es uns ja nur auf einem pfad bringen, der uns unsere eigen weisheit erahnen lässt, und wir alle haben es falsch verstanden? sonst hätte die kirche nie so viel macht über uns ausüben können – ich meine wenn es nciht die hölle gegeben hätte.
      mir ist dazu ein zitat in die hände gefallen, es führt zur relativierung von geschriebenen hin zu dem was zwischen den wörtern steckt:
      „wer das unerklärliche in der erkentnis festhält, erfüllt die ganze schrift.“
      du schreibst auch, dass unser ICH lebensnotwendig ist, ja das denke ich auch. für mich ist der wunsch mit kinderaugen zu sehen ja nicht mit dem rückschritt ins kindesalter zu verstehen. es geht mehr um das lebendigwerden dieses teiles in uns, das frei sein von konventionen und regeln, die uns zum einen einschränken, zum anderen auch sicherheit geben. es geht hier um balance, nicht um ein entweder oder. die erinnerung daran kann helfen es in unseren alltag zu integrieren.
      also dionysos, frühlingshafte grüße,
      michael.

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