vom schmerz des abschieds

ein moment nur, nur ein satz – „ich verlasse euch“.

stille, ich will es zunächst nicht glauben, als würde ich neben mir stehen, nicht wahrnehmend, was geschieht. nur ein satz, ein kurzer moment und alles ist anders. keine reaktion, ohnmacht, bewegungslosigkeit.
langsam rückt die realität in mein bewusstsein, schleichend, kriecht die erkenntnis in meine wahrnehmung, macht sich die realität ihren platz, die schwere des unfassbaren legt sich auf mein gemüht, breitet sich aus und ich erfasse was ich nicht erfassen möchte.

(c) michael schrotter

er wird uns verlassen.

ich kämpfe innerlich gegen diese vorstellung, greife nach der hoffnung, dass es nicht wahr ist, bemächtige mich des gefühls, dass er seine meinung noch ändern kann. doch diese hoffnung ist nur schein, sie entspricht nicht dem leben, ist nur ein versuch sich an die vergangenheit zu klammern.
nüchtern erfahre ich die realität, noch kein raum um es zu spüren, kein raum.
es wird eng, keinen ausweg mehr und ich fange an zu begreifen, zu verstehen. gedanken ziehen an mir vorbei, gedanken an diesen menschen, an sein hier sein, an seine fähigkeiten, an seine taten, erlebe die rolle die er gelebt hat – es hat ein ende. wer wird diese rolle übernehmen, wie können wir ohne diese rolle auskommen – schlüpfrig zieht die angst mein inneres fest, drückt mich, macht diese enge unerträglich. ich atme, versuche den kontakt mit dem leben zu finden, kann diese hoffnung nicht greifen, sie ist nur schein. die hoffnung ist eine trügerische lüge, wir klammern uns an sie, wenn wir keinen ausweg mehr haben.

ich löse mich von diesen schmerz, von der verzweiflung, von der aussichtslosigkeit, von der bewegungslosigkeit, vom staunen und ich nehme abstand. ich trete einen schritt hinter mich, sehe auf mich, sehe, wie dieses ich fühlt. aus dieser distanz sehe ich es klarer, und diese klarheit wischt die gedanken mit einem schlag weg, ich sehe traurigkeit. ich blicke in meine augen und sehe tränen die geweint werden, die meinem herzen wieder zur freiheit geleiten.

im hintergrund eine stimme, nicht von mir. sie beschreibt die chancen, die in dieser tatsache stecken – jede veränderung ist die möglichkeit etwas neues zu schaffen, wenn wir es schaffen loszulassen. doch es zieht wie ein grauer schleier an mir vorbei, es berührt mein herz nicht, auch wenn es die wahrheit ist, auch wenn ich zu einem späteren zeitpunkt ähnlich denken werde.

etwas anderes ist wichtig.

ich brauche meine tränen, um loslassen zu können. ich brauche diesen abschied, um wieder klar zu werden.
ich genieße meine tränen, sie schmecken salzig und gar kein hauch von bitter. ganz tief verborgen in mir wartet schon wieder ein lächeln auf den moment um an die oberfläche zu kommen, wartet darauf sich wieder zeigen zu dürfen.

doch jetzt noch nicht!

6 Gedanken zu „vom schmerz des abschieds“

  1. ich habe mich die ganze zeit gefragt, wer das wohl sein mag, der ging? ein geliebter mensch, ein kind, ein elterntel, ein naher freund?…ich sehr zarte beschreibung für den seelischen schmerz, gefällt mir

    1. diese frage, wie diese person zu mir steht, wird in diesem kontext offen bleiben, …
      ich denke, dass es, auch wenn es einen aktuellen anlass in meinem leben gibt, um den allgemeinen umgang mit dem schmerz des abschieds geht, der ja wiederum neues hervorbringt. zum aktuellen zeitpunkt, war ich noch nicht in der lage, auf die positiven seiten zu sehen, weit weg vom loslassen…
      es ist mitlerweile schon anders, ich kann mich mit diesen menschen freuen, denn er hat sich in seiner situation wirklich verbessert.
      und, was es für mich neues bringen wird? naja, darauf kann ich mich freuen.
      liebe grüße,
      michael

  2. Lieber Michael,
    ich konnte beim Lesen so tief eintauchen in dieses schmerzliche, noch Nicht-fassen-Können dieser neuen Situation. Abschied kann so weh tun, oh das kenn ich so gut!
    Und auch die Erleichterung, die Tränen schenken können!
    Wie stark du bist, dass du es in dieser Situaion geschafft hast, den Beobachter da sein zu lassen. Das gelingt mir oft erst viel später, der Schmerz hält mich in solchen Momenten wie in einer Zange. Erst hinterher kann ich meine Aufmerksamkeit auch auf die Geschenke dieser Herausforderung richten, an den weiter führenden Sinn, den das Ganze unweigerlich auch hat, denken.
    Falls es zu diesem Thema, das sich ja erst vor kurzem ereignet hat, in dir noch ein sehr wundes Gefühl gibt, will dir mein Herz eine Kuscheldecke aus Licht für deinen Schmerz schicken – in diesem Moment!
    Viel Liebe zu dir selbst wünscht dir
    Marina

    1. hallo marina,
      danke für die, wie du es nennst, kuscheldecke aus licht. ja, es ist sehr heilsam.
      mitlerweile habe ich es, eben so wie es ist, angenommen.
      und ja, es ist eine herausforderung, nicht im schmerz unterzugehen…
      beim lesen deines kommentars ist ein lächeln in mir hervorgekommen,
      danke,
      michael.

  3. Grüß dich, Michael,
    es ist doch seltsam, wie geschriebene Worte ohne eine Stimme, ohne ein Gegenüber dennoch Gefühle auslösen.
    Ich stelle es mir so vor, dass durch das Geschriebene ein Kontakt auf Seelenebene entsteht, dass unsichtbare energetische Vebindungsschnüre zu vibieren beginnen, die uns etwas vom Wesen des anderen fühlen lassen.
    Wie auch immer, ich freue mich jedenfalls, dass in deinem ja noch recht frischen Abschiedsschmerz ein Lächeln entstanden ist.

    Mir helfen übrigens zum Bewältigen von Schmerz auch Gespräche mit meinem inneren Kind und all den anderen Anteilen in mir. Im Sprechen mit einem Persönlichkeitsanteil, also einem von mir vorgestellten inneren Wesen, fühle ich mich gleich nicht mehr so allein. Falls du Lust hast, kannst du mich und meine Ina (inneres Kind) ja mal auf meinem Blog http://innereskind.wordpress.com/
    besuchen kommen. Wir würden uns freuen!

    Dass du heute viele Geschenke des Lebens entdeckst
    wünscht dir mit bunten Grüßen
    Marina

    1. danke für dein schönes bild mit den verbindungsschnüren. ja, ich denke, es gibt eine verbindung zwischen uns menschen. wir schaffen es allerdings nicht mehr, sie wahrzunemen, oder wir wollen es nicht. sonst würden wir das internet nicht dazu verwenden. naja.
      die arbeit mit dem inneren kind ist mir vertraut – kennst du auch die ego state therapie? es ist ein ähnliches konzept, nur, dass die arbeit nicht auf das innere kind beschränkt ist.
      bei deinem inneren kind werde ich mal vorbeischauen, bin schon gespannt.
      ja, und ich werde entdecken, was ich zu entdecken bereit bin… danke für den schönen wunsch…
      alles liebe,
      michael.

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