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sachlich betrachtet – sein und haben

wir leben in einer welt, in der wir mehr haben, als es von nöten währe. wir nehmen in besitz, was wir im grunde nicht besitzen können. besitz gibt uns sicherheit, eine sicherheit, die nur schein ist, die es in wirklichkeit so nicht gibt. gerade die wirtschaftskrise hat gezeigt, wie zerbrechlich unser system ist.
und auch wir sind verletzlich, wir klammern uns an das was wir haben, und bemerken es nicht, es ist bereits zu viel. es ist alles ungleich verteilt, wir haben angst zu teilen.

was wir am meisten wünschen ist beziehung. ohne kontakt, ohne mitgefühl, ohne austausch sind wir nur leere hüllen, die der kleinste windhauch verweht. doch wenn wir besitzen, wenn wir haben, uns versagen, andere daran teilhaben zu lassen, frage ich mich, wie können wir dann in beziehung sein? wir besitzen zu viel, es geht weit über die grenzen des funktionalen besitzes hinaus. doch wer definiert den funktionalen besitz, ist der computer, vor dem ich jetzt sitze, bereits zu viel?

meine überlegungen bringen mich dahin, die bedürfnisse zu ergründen, die uns besitzen lassen. stellen wir uns einen säugling vor, er ist mit dem sein noch eng verbunden, in seiner genetik ist angelegt, dass er durch das bedürfnis hunger unruhig wird und sich bemerkbar macht. stellen wir uns dazu die mutter vor, sie reagiert auf eine ganzheitliche weise, auch das ist schon von der natur vorgegeben. im idealsten fall beginnt die milchproduktion und wird den säugling stillen und in einen engen kontakt mit sich bringen. doch es gibt andere faktoren auch, denn wir leben schließlich in einer leistungsorientierten gesellschaft, und diese frau versucht es, aufgrund ihrer erfahrungen, so gut wie möglich zu machen. dies geht nicht ohne spannung, diese spanung bedingt eine mangelnde milchproduktion und der säugling bekommt nicht genug – das vertrauen des säuglings in seine umwelt wird getrübt, mit unter fühlt er sich auch wenig willkommen.

was hier schon sehr früh angelegt ist, wird im späteren leben noch manifester. dieses gefühl versorgt, geliebt und genug zuwendung zu bekommen ist eine lebensnotwendige grundlage, ohne die ein gefühl des mangels in uns entsteht, ohne dem wir uns mit unter an gegenstände orientieren, da sie immer verfügbar sind und eine stabilere basis für eine beziehung darstellen.

es ist ein teufelskreislauf, der uns in eine richtung treibt, wo keiner von uns hin möchte. es ist eine richtung, in der wir uns vor dem wesen des seins entfernen, ja dieses einfach nur sein oft nicht genügt. willkommen im kapitalismus.

ich frage also, was können wir machen, um aus diesem teufelskreis auszusteigen?

mir zumindest fällt das wort liebe ein und gleichzeitig wird mir bei diesem wort mein herz ganz schwer. wie verwenden wir dieses wort? unlängst habe ich in einem blog gelesen, dass die liebe kostenlos zu bezeihen ist. ja, diese person hat von liebe gesprochen, leider in worte gekleidet, die mehr an besitz erinnern, als an die allgegenwärtige liebe.

ich wünsche mir so sehr, dass wir von einer besitzorientierung, hin zu einer orientierung am leben kommen, eine orientierung, dessen maßstab das einfache sein ist. doch selbst hier sollte schon vorsicht geboten sein, denn was heißt es doch zu sein und ist nicht auch der begriff des seins, so wie viele andere begriffe, nicht bereits vermarktet und in besitz genommen worden.

eine lösung kann ich in diesem sinne nicht anbieten, nur den wunsch in die welt schreiben, dass wir uns wieder mit dem leben verbinden und unsere rigidität, die sich aus dem haben ergibt, lösen.

5 Gedanken zu „sachlich betrachtet – sein und haben“

  1. Lieber Michael,
    ich glaube, Liebe ist wie ein Virus – hoch infektiös. Artikel wie dieser verbreiten ihn sogar auf virtuellem Wege.
    Dass wir so gut, wie wir es vermögen, lieben und damit andere anstecken wünscht dir und uns allen von Herzen
    Marina

    1. liebe marina,
      die vorstellung, der gedanke und die energie der liebe, könne sich wie ein virus via internet verbreiten, macht mich fröhlich und lässt mich voller freude in die zuckunft blicken.
      herzliche grüße,
      michael.

  2. Tja, so ist es leider : bei nicht wenigen Worten gibt es mittlerweile das, was in anderem Zusammenhang „Mißbrauch“ genannt wird – sei es daß sie durch zu häufigen Gebrauch in ihrer Bedeutung verwässert werden, oder daß sie sozusagen „gewaltsam“ für Situationen hergenommen (eben „miß-braucht“) werden, die sie von ihrem Ursprung entfremden, eine Vergewaltigung von Worten.
    Was die Liebe angeht, so ist sie meinem Empfinden viel mehr als ein schönes Gefühl, sie ist der grundlegende Zustand des Universum – jenseits von Zeit und Raum. Wenn wir in sie wirklich hineinfallen (im englischen heißt es ja „to fall in love“), dann haben die Zeit und das ICH aufgehört. Und was das von dir angesprochene Stadium des Säuglings angeht, so ist noch vollständig in diesem universalen Zustand, weil er keine Zeit kennt und auch noch kein ICH ausgebildet hat. Und wenn wir sterben, tauchen wir (=fallen wir) wieder in diesen Urzustand „Liebe“. Unzählige sterbende Patienten geben mir davon immer wieder eine Ahnung.
    Gerade im Hinblick auf das Sterben – sowohl am Ende des irdischen Lebens wie auch in den verschiedensten Sterbe- =Abschiedssituationen würde ich „Liebe“ beschreiben als eine voraussetzungslose, bedingungslose Bewegung in die Zukunft hinein.
    Noch eine kleine Bemerkung zum Thema „leistungsorientierte Gesellschaft“, eine Wortbildung, die immer wieder zu lesen ist in kulturkritischen Texten. Ich habe ihn auch schon oft verwendet – bis zu einem bestimmten Zeitpunkt. Eines Tages kam eine arme Frau zu mir als Patientin, sie arbeitete als Klofrau am Münchner Hauptbahnhof, täglich 12-14 Stunden lang. Sie leistete ohne Zweifel viel in ihrer Arbeit. Ich benutzte in unserem Gespräch irgendwann auch auf das Wort „Leistungs-Gesellschft“. Worauf sie entrüstet zu mir sagte: „Ich leiste auch wahnsinnig viel, nur habe ich keinen Erfolg, weil mein Tun nicht entsprechend honoriert wird.“ Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Und ich sagte ihr: Sie haben recht. Fairerweise muß es heißen „Wir leben in einer Erfolgsgesellschaft“, denn viele Leistungen werden zwar erbracht, aber eben nicht oder zu wenig honoriert – in finanzieller und sozialer Hinsicht.
    Danke wieder mal für deinen nachdenklichen Text.
    Ciao
    Dionysos

    PS: die mails sind angekommen … den Vortrag schicke ich noch mal als Anhang – hoffentlich dann „erfolg-reich“. Die Technik als Bestandteil der Erfolgsgesellschaft hat manchmal doch so ihre Tücken … 🙂

    1. danke für deinen komentar dionysos,
      zur leistungsgesellschaft – es ist schön, dass es so unterschiedliche sichtweisen gibt – also, wenn ich so in meine praxis schaue, bin ich einfach immer wieder mit dem aspekt der leistung konfrontiert – der erfolg und die daraus resultierende anerkenneung, ist für mich ein grundsätzlich anderer aspekt. wenn ich die leistungsgesellschaft erwähne, dann bezugnehmend auf die auswirkungen, auch dieser alten frau, die sich die anerkennung ja so wünscht und nicht bekommt. nicht minder wird hier die anspannung groß etwas zu leisten, da wir die gewissheit haben so unsere anerkennung zu bekommen – unser kontakt ist foölglich an bedingungen geknüpft und das fängt halt schon früh an. eben wie bei einem säugling, der nicht bekommt was er braucht, da die mutter auf grund der leistungsorientierung – dem gedanken, dass sie den bedürfnissen ihres kindes unbedingt gerecht werden muss – nur noch unter spannung steht, dadurch sie nicht mehr im stande ist ihrem kind auf eine natürliche art zu begegnen.
      der miß-brauch den du erwähnst – ich denke, dieser miß-brauch kommt auch vom haben wollen. wir versuchen, einem wort eine bedeutung zuzuschreiben, ungeachtet dessen, was ein anderer vielleicht ausdrücken möchte. wir nehmen wörter in besitz, vermarkten sie, machen sie zum objekt und sehen nicht, dass viel mehr hinter dem ausdruck der sprache steckt. ein aspekt ist, dass im grunde der empfänger einer nachricht die aussage bestimmt. cih denke ich muss hier nicht weiter ausführen, was es bedeutet…
      dein bild, dass liebe eine bedingungslose bewegung in die zukunft ist, gefällt mir. ich denke auch das diese liebe die in und um uns ist, im grunde das leben selbst ist – was ich waghalsigerweise auch vom hass oder der wut sagen kann oder von vielen anderen emotionen, energien.

      also, um deine worte zu zitieren,
      heiter weiter,
      michael.

  3. Pingback: nachtrag zu „die stille revolution“ « das leben der wünsche

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