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Gehen und Gedenken

Ein Bericht über das Erleben eines Rituals im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück

Der folgende Text gibt Einblicke in ein erlebtes Ritual in der Gedenkstätte des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück. Es fand am 18. Juni 2018 statt. Der Text ist immer wieder durch ausgewählte Aussagen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen unterbrochen. Die Zitate sind so zusammengestellt, dass unterschiedliche Aussagen von verschiedenen Personen in einem Absatz vorkommen. In den Aussagen sind die Prozesse der Teilnehmenden erfühl- und erfahrbar.

Vor dem betreten des Ritualplatzes

Hintergrund

In meinem Arbeitsalltag bei Zebra (Interkulturelles Therapie- und Beratungszentrum, Graz) bin ich mit dem Schrecken, der Hoffnungslosigkeit, der Ohnmacht und dem Leid jener Menschen in Kontakt, die ihre Heimat verlassen mussten. Die daraus entstehende Betroffenheit im Zusammenhang mit der politischen Situation und der gesellschaftlichen Entwicklung rufen mich auf, meine Verantwortung als Therapeut wahrzunehmen. Das Ritual selbst war für mich einerseits eine Auseinandersetzung mit der Historie und andererseits eine Konfrontation mit der Tatsache, dass es immer noch Länder gibt, in denen Diskriminierung, politische oder religiöse Verfolgung, Terror und Krieg eine erschreckende Gegenwart darstellen.
Meine Motivation zur Teilnahme am Ritual war, einen Weg aus meiner eigenen Hilfs- und Hoffnungslosigkeit zu finden sowie diesem Ausgeliefertsein einen Rahmen zu geben, in dem ich mich als handelnd erlebe.

Mir ist ganz wichtig, morgen [beim Ritual, Anm. d. V.] für mich etwas zu tun,
für dieses Zeitgeschehen im Moment,
die politische Situation im Moment.
Dass sich diese Geschichte nicht mehr wiederholt.

Der „Earth Walk“

Fundstücke für die Ritualmitte

Das Ritual war in einen Prozess mit Vor- und Nachbesprechung eingebunden und wurde von der erfahrenen Tanz- und Gestalttherapeutin Ursula Schorn einfühlsam und mit viel Sensibilität begleitet. Die Grundlage des Rituals bildete der „Earth Walk“. Dieser wurde von Anna Halprin kreiert, der jährlich an vielen Orten in der ganzen Welt zelebriert wurde und wird. Anna Halprin ist eine bedeutende Tänzerin und Choreografin, deren Arbeit von der humanistischen Psychologie, Tanz, Theater, Kunst und vielem mehr inspiriert ist.
Die einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer fügen sich in den Fluss eines gemeinsam pulsierenden Gehens in drei konzentrischen Kreisen um eine Ritual-Mitte ein. Die persönlich gewählte Intention wird zur treibenden Kraft des Gehens. Es kann eine Frage sein, die eine Antwort sucht. Es kann eine Bitte um Transformation von Schmerzen und Schatten der Vergangenheit sein. Es kann ein Mensch sein, dem dieses Ritual gewidmet wird. Es kann ein Ausdruck tiefen Mitgefühls sein. Anna Halprin sagt dazu: „Wenn sich genügend Menschen in einem gemeinsamen Puls und mit einem gemeinsamen Anliegen bewegen, entsteht eine gemeinsame Kraft, die sich aus der Verbundenheit untereinander entwickelt.“ (Halprin & Stinson, 1984) Das Ritual öffnet einen Weg, die Kraft der Transformation durch eine symbolische Handlung zu erleben.

Das erlebte Ritual

Ich habe es als sehr kraftvoll erlebt, sich auf den Weg zu begeben,
immer diese monotone Gehbewegung zu vollziehen,
die ist ganz durch mich durchgegangen,
dieses monotone Tapp, Tapp, Tapp auf den Schienen,
diese Endlosigkeit der Gleise,
ich hätte ewig weitergehen können.
Und ich habe manche Bäume angeschaut,
und daran gedacht,
ihr habt das alles gesehen,
ihr seid schon so alt,
und die stehen immer noch da,
und haben ihre Wurzeln und ihre Kronen.

Das Ritual selbst begann mit dem Gehen auf den Schienen, die nach Ravensbrück führen. Sie wurden als Verbindung zwischen dem Frauen-Konzentrationslager und der Heilanstalt Lychen genutzt. Die damals inhaftierten Frauen wurden auf diesen Gleisen zu medizinischen Versuchen in das Lazarett in Lychen gebracht (vgl. Wikipedia, 2018).
Auf unserem Weg auf den Gleisen wurden wir eingeladen, Gegenstände und Fundstücke mitzunehmen, um am Ritualort eine gemeinsame Mitte zu gestalten. Die Einstimmung auf das Ritual durch das Gehen und Sammeln sollte uns mit unseren Intentionen in Kontakt bringen.
Am Ritualort, der Gedenkstätte des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück, war noch Zeit, um den Ort und seine Geschichte kennenzulernen. Das Konzentrationslager Ravensbrück wurde 1939 gegründet, es ist das größte Frauen-Konzentrationslager auf deutschem Boden. Über 130.000 Menschen aus 30 Nationen waren in der Zeit zwischen 1939 und 1945 inhaftiert (vgl. Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, 2019).

Auf der Tafel stand geschrieben,
40.000 Polinnen,
die hineingekommen sind,
und nur 8.000,
sind lebend herausgekommen.
Da wollte ich eigentlich nur weg,
eigentlich will ich das alles nicht wissen.
Das überfordert mich,
das ist für mich einfach zu viel,
es geht über das Verstehen hinaus.

Die Gestaltung der Ritualmitte

Vor dem Mahnmal wurden die Fundstücke zu einer gemeinsamen Ritualmitte arrangiert und Kerzen angezündet. Um die Mitte bildete die Gruppe einen Kreis, wir reichten uns die Hände und wurden eingeladen, die Kraft der Gemeinschaft zu spüren. Mit dem ersten Schritt und dem Satz: „Ich gehe für die Frauen in Ravensbrück“, begann der „Earth Walk“. Die hörbaren Schritte bildeten einen Gleichklang, unterbrochen von den Stimmen, die immer vielfältiger, lauter und freier wurden. Es waren Intentionen zu hören, die inspirierten, die Gedanken anregten und die vor allem eines bewirkten: den präsenten Themen handelnd zu begegnen.

Große Sätze.
Die kontinuierliche Bewegung im Kreis
war eine sehr starke Erfahrung.
Kleine Sätze.
Dieser Wechsel von Liebe und Sehnsucht
und erfülltem Leben und der Tragik.
Große Themen.
Einerseits diese Kraft
und andererseits diese Kraftlosigkeit.
Über das Leben zu reden,
das rührt.

Mir ist bei diesem Ritual gelungen, mich durch den Halt des Kollektivs mit der Ohnmacht und Hilflosigkeit zu konfrontieren und in gewisser Weise einen differenzierteren Blick zu bekommen. Auch die immer freier werdende Stimmung gegen Ende des Rituals bestätigte den transformativen Charakter.

Quellen

Die Fotografien sind bei dem Ritual 2018 (© Michael Schrotter) entstanden.
Die persönlichen und anonymisierten Zitate sind dem transkribierten Mitschnitt der Vor- und Nachbesprechung entnommen. Ausgewählte Passagen wurden so zusammengefügt, dass unterschiedliche Menschen in einem Absatz sprechen.

Literaturverzeichnis

Halprin, A. & Stinson, A. (1984). Circle the Earth Manual. A Guide for Dancing Peace with the Planet. Kentfield.
Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. (2019). Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Frauen-Konzentrationslager (1939–1945), Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Zugriff am 29.01.2019. Verfügbar unter https://www.ravensbrueck-sbg.de/geschichte/1939-1945/
Wikipedia. (2018). Heilanstalten Hohenlychen, Wikipedia. Zugriff am 25.01.2019. Verfügbar unter https://de.wikipedia.org/wiki/Heilanstalten_Hohenlychen

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